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Seit Jahren lässt das Engagement der Mitarbeiter nach. Dieser Trend wird gern den Mitarbeitern in die Schuhe geschoben. Doch mangende Mitarbeitermotivation ist in erster Line ein Armutszeugnis für die Führung. Was können wir ändern?

Eine Frage zum Jahresbeginn: Was werden Sie Ihren Mitarbeitern 2017 anbieten, damit sie auch 2018 noch bei Ihnen sind? Eine ungewohnte Frage, ich weiß; früher wurde sie andersherum gestellt. Doch die Zeiten ändern sich. Heute werben Unternehmen um ihre Mitarbeiter. Und wenn wir den Umfragen Glauben schenken, haben wir dabei noch ziemlich viel Luft nach oben.

An die Nachricht über sinkendes Engagement aus der jährlichen Gallup-Studie zur Mitarbeiterzufriedenheit haben wir uns fast schon gewöhnt – was schon für sich genommen ein schlechtes Zeichen ist. Viel mehr hat mich 2016 allerdings eine andere Studie aufgerüttelt.
YOUNG PROFESSIONALS
Das Young Professional Barometer von trendence, die größte Studie ihrer Art mit etwa 10.000 Befragten aller Branchen in Deutschland, attestiert besonders den jungen Mitarbeitern eine hohe Unzufriedenheit mit ihrem Job. Neun von zehn Young Professionals sind dieser Befragung zufolge offen für einen neuen Job. Ganz oben auf der Liste der Gründe: Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber – in erster Linie aufgrund des Führungsstils der Vorgesetzten. Miese Moral ist also eine Folge von mieser Führung.

Das wollen wir nicht so stehen lassen, oder? An Jobangeboten mangelt es den Wechselwilligen gemäß derselben Studie nämlich keineswegs. Wenn wir unseren besten Nachwuchskräften auch auf der Weihnachtsfeier am Ende dieses Jahres noch zuprosten wollen, machen wir 2017 zum Jahr der Mitarbeiterbindung. Denken wir darüber nach, was die Motivation des Nachwuchses ausbremst – und womit wir sie erhöhen können. Denn eine dringendere Aufgabe haben wir nicht.
VERANTWORTUNG IST DAS NEUE INCENTIVE
Die monetären Anreize, die in vielen Unternehmen noch immer der erste Reflex auf Verlustängste sind, sollten keinesfalls ganz oben auf der Liste der Maßnahmen stehen. In Befragungen darüber, was Mitarbeiter motiviert, landen sie nämlich schon seit Jahren regelmäßig auf einem der hinteren Plätze. Der „war for talent” wird über Emotionen entschieden. Mitarbeiterbindung ist keine Rechenaufgabe mehr, sondern eine Frage der Beziehungspflege.

Wenn der Startup-Boom uns eines lehrt, dann dass Mitarbeiter extrem leistungsbereit sind – wenn sie an die gemeinsame Mission glauben. Menschen wollen ihre Bindung ans Unternehmen spüren können, wollen Teil einer Bewegung sein. Sie wollen frei sein – nicht im Sinne von „kein Bock“, sondern frei, das zu tun, was ihnen wichtig ist.
ENTFALTUNG STATT KONTROLLE
Was sie dafür brauchen, ist eine Führung, die ihnen die nötigen Spielräume und einen attraktiven Rahmen bietet, um ihre Potenziale zu nutzen: Chancen und Entfaltung statt Weisung und Kontrolle. Sie wünschen sich eine Führung, die sich nicht nach Führung anfühlt, sondern nach Freiheit.

Wenn wir also überlegen, was wir ihnen geben können, dann habe ich dafür einen ganz konkreten Vorschlag: Locken wir sie nicht mit mehr Geld, sondern mit mehr Verantwortung. Denn Verantwortung ist gleichzeitig das Versprechen und die Leitplanke der Freiheit. Verantwortung ist das neue Incentive.
FÜHRUNG IST BEZIEHUNGSARBEIT
Heute wird oft – und manchmal zu Recht – danach gefragt, welche neuen Bedürfnisse die Generationen Y und Z mit an ihren Arbeitsplatz bringen. Dass die Ergebnisse regelmäßig diffus ausfallen, hat auch damit zu tun, dass die Frage oft isoliert gestellt wird. Die jungen Menschen betrachten sich aber gerade nicht als isoliert, sondern als Teil eines größeren Ganzen.

Wirklich konkret zu beantworten ist die Frage, was Führung für sie tun kann, deshalb erst, wenn der Kontext einer sich verändernden Arbeitswelt mit in die Betrachtung einbezogen wird. Also nicht nur: Mit was für Leuten haben wir es zu tun, sondern auch: Wie arbeiten wir in Zukunft zusammen? Beides ist im Umbruch, und deshalb tun wir gut daran, uns beide Fragen gemeinsam zu stellen.

Darauf können wir als Führende einen direkten Einfluss nehmen – indem wir die Touchpoints mit dem Kunden auf ihre Instagramability überprüfen:
ARBEITSPLATZ ALS DEMOKRATIELABOR
Oft ist zum Beispiel vom „Arbeitsplatz als Demokratielabor“ die Rede. Als Führungskräfte treffen wir inzwischen verstärkt auf Mitarbeiter, die es gewöhnt sind, vernetzt und im Team zu leben und zu arbeiten. Wir bekommen es also mit Menschen zu tun, die das Miteinander wollen und suchen, und die sich nicht mehr als einsame Wölfe auf dem Karrierepfad verstehen.

Sie sind bereit und daran gewöhnt, auch mit dem Kunden und anderen Partnern ein Team zu bilden. Der Arbeitsalltag in solchen dynamischen Gruppen lässt sich oft nicht mehr in simplen, eindimensionalen Prozessen abbilden. Er läuft eher auf das Management eines vielfältigen Beziehungsgeflechts hinaus, in dem der Mitarbeiter zwingend eine hohe Verantwortung übernehmen muss – und will.

Das kann nicht funktionieren, wenn wir dem Mitarbeiter diese Verantwortung nicht zutrauen. Und wenn wir ihm nicht die nötigen Freiheiten geben, um innerhalb seines Verantwortungsbereichs und im gesetzten Rahmen relativ autonom zu agieren.
MEHR FREIHEIT FÜR ALLE
Und genau das ist es, was die neuen Mitarbeiter von uns erwarten. Y und Z hin oder her: Eine Erhebung des Zunkunftsinstituts hat gezeigt, dass die Vorstellungen von Arbeit in den jungen Generationen in hohem Maße wertgetrieben sind. Dazu passt natürlich kein Job, in dem nur Weisungen erteilt und einfach abgearbeitet werden, bis man um 17 Uhr pünktlich die Stechkarte durchzieht – Hauptsache, das Gehalt kommt pünktlich. „Arbeitszeit wird zu Lebenszeit“, heißt es in der Studie. Das Mittel zu diesem Zweck sind die Beziehungen am Arbeitsplatz: das Wir-Gefühl, das verantwortungsvolle Miteinander, die gemeinsame Motivation.

Das Klischee stimmt also: Die jungen Leute haben keinen Bock auf Arbeit. Sie haben nämlich viel mehr Bock darauf, gemeinsam Ziele zu erreichen. Wenn wir uns also fragen, was wir 2017 für die Mitarbeiterbindung tun können, lautet meine Antwort: Wir können ihnen Verantwortung schenken. Das kann uns Angst machen oder es kann uns entlasten. Denn es ist für beide Seiten ein Gewinn an Freiheit – auch für die Führung.



Diese Kolumne ist erschienen am 26. Januar 2017 bei Bilanz.
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