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WENN DAS ERSTE LICHTLEIN BRENNT - FREIHEIT IM ADVENT

veröffentlicht am: November 30, 2016
Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit der Besinnung und Rückschau auf das Jahr. *Gähn.*
Machen wir es ein bisschen spannender! Sprechen wir über Führung. Gestern und heute. Mit einem Rückblick in doppelter Hinsicht, der auch ein Ausblick ist. Denn ich bin in diesem Jahr 50 geworden. 50 Kerzen auf der Torte! Daneben sieht der Adventskranz ganz schön blass aus. Wenn das halbe Jahrhundert voll ist, denkt man schon mal über den eigenen Lebensweg nach. Als Unternehmer zieht man dann unweigerlich Schlüsse, wie man sein eigenes Leben und eben auch die Menschen um sich herum tagtäglich so führt. Das hat natürlich viel damit zu tun, wie man selbst geführt worden ist im Laufe des Lebens, und wie man sich dadurch entwickelt hat. Der etwas andere Rückblick zum Jahresende, auf 50 Jahre Monkey Business und zurück: hier.

Im Vorfeld meines 50. Geburtstags in diesem Jahr habe ich mir viele Gedanken über das Leben, über Leadership und über meinen eigenen Beitrag gemacht. Aus diesen Betrachtungen hat sich ein zentrales Lebensmotiv ergeben, dem ich immer gefolgt bin: Ich will frei sein. Früher war dieses Motiv sicher eher unbewusst, und das hat dann auch mal zu Reibungen und Fehlentscheidungen geführt. Heute arbeite ich ganz bewusst auf dieses Ziel hin, jeden Tag ein bisschen freier zu sein. Und ich möchte die Menschen um mich herum ermutigen, auch ihre Freiheit zu entdecken und zu leben. Nicht nur an Weihnachten, wenn mal Zeit zum Nachdenken ist.

Deshalb bekommt das Thema Freiheit seit einiger Zeit so viel Raum – auch an dieser Stelle, im Austausch mit Ihnen, liebe Leser. Und deshalb möchte ich mit diesem Rückblick zum Advent einmal etwas weiter zurückschauen als nur auf das zurückliegende Jahr. Auf meinem Weg gab es mehrere Meilensteine, die mein Verhältnis zur Freiheit geprägt haben. Und damit auch meine Art zu führen.
DIE UNFREIHEIT DER JUGEND
In meinen jungen Jahren war ich sehr unfrei, wie die meisten Menschen, damals noch mehr als heute. Meine Ausbildung als Hotelfachmann habe ich am Titisee absolviert, im hintersten Winkel des Hochschwarzwalds. Im Klartext: Terrassenkellner in Polyesterhosen. Mein Ausbilder war ein echter kleiner Napoleon: Hierarchie, Kontrolle und der ganze Bullshit, der dazu gehört. Wenn ich nicht gerade auf der siedend heißen Terrasse Schwarzwälder Kirsch servierte, nahm ich Forellen aus. Nichts hasste ich mehr – und deswegen ließ mein Chef es mich besonders oft tun. Von ihm habe ich gelernt, wie Führung Mitarbeiter vergrault. Und Kunden übrigens auch. Jahrelang war ich gefangen auf der untersten Ebene mit ihren Zwängen und Abhängigkeiten. Und das waren prägende Jahre – das schüttelt man nicht so leicht ab.
UNFREIHEIT AUS FREIER ENTSCHEIDUNG
Deshalb war es auch nur logisch, dass ich im zweiten Schritt selbst zu einem Corporate Monkey wurde. Zu einem dieser Menschen, die sich nach der Kokosnuss recken. Das will ich gar nicht beschönigen – das war eine freie Entscheidung, und dafür trage ich allein die Verantwortung. In dieser Phase stand die Karriere im Mittelpunkt. So wurde ich zum General Manager eines Kempinski-Grand-Hotels und eines Ritz-Carlton-Resorts, zum ersten Hotelmanager des wiedereröffneten Adlon, zum CEO bei der Arabella Holding, zum Geschäftsführer bei Robinson und vieles mehr. Immer höher, schneller, weiter. Ich tauchte so richtig ein in die Corporate-Welt. Da gab es bestimmt viele Tage, an denen meine Mitarbeiter mich auch als typischen COMO erlebt haben.

Aber gleichzeitig erlebte ich die Unfreiheit auch wieder selbst am eigenen Leib. Und ich weiß: Das geht ganz vielen Führungskräften so, jeden Tag. Unterhalb der Vorstandsebene wird in vielen Unternehmen nämlich nur noch taktisch kommuniziert, nicht im Sinne der Sache. Obwohl ich meistens der Chef war, konnte ich letztlich keine eigenen Entscheidungen treffen. Immer musste ich mich nach einem Gremium, einer Richtlinie und einem kleinsten gemeinsamen Nenner richten. Und darunter litt ich. Warum? Weil ich erlebt hatte, wo das hinführen kann, mehr als einmal.

Nach dem Regelbuch war das ein gutes Leben, als Corporate Monkey, doch das war keine Freiheit. Nicht die, die ich wollte. Nach ein paar Jahren in der Karrieremühle erkannte ich bereits, dass meine Zukunft in der Unabhängigkeit liegen würde.
BEFREIUNGSSCHLAG
Als ich diesen dritten Schritt der Unabhängigkeit dann nach vielen Jahren im Monkey Business ging und mich selbstständig machte, war ich trotzdem nicht sofort wirklich frei. Das Ziel war, mich von den Fesseln zu befreien. Leider legte ich mir erst einmal wieder selbst welche an. Ich ließ mich auf Partner und Investoren aus der Corporate-Welt ein, und die spielten natürlich nach denselben alten Regeln. Ich wollte endlich meine Vorstellungen verwirklichen, aber die hatten ihre eigenen Interessen. Also wieder Corporate Monkeys, wieder Unfreiheit. Das war schon frustrierend.

Letztlich wuchs mein Freiheitsdrang dadurch aber nur noch mehr. Seit einigen Jahren bin ich als Unternehmer und als Mensch nun wirklich fast frei – so frei jedenfalls, wie es uns als sozialen Wesen eben möglich ist. Wenn ich etwas Neues anpacke, dann weil es in diesem Sinne für mich relevant ist. Wenn ich Fehler mache, dann auf mein eigenes Konto. Eine funktionierende Fehlerkultur ist ein wichtiger Teil von Führung – besonders die Unterscheidung von Fehler und Fehlverhalten. Doch für den Führenden selbst, davon kann jeder COMO ein Lied singen, sind Fehler noch immer ein heikles Thema. Oder kennen Sie jemanden, der sich die Karriereleiter „hochgefehlert“ hat? Eben. Es gibt nun mal keine Stellenausschreibungen mit der Überschrift „Versager gesucht“, auch wenn man das manchmal meinen könnte. Als Unternehmer kann man sich mehr erlauben als im Corporate-Kontext – lehrreiche Fehlentscheidungen eingeschlossen, denn man badet sie selbst aus. Unabhängig, dafür auch eigenverantwortlich.

Alles, wofür oder wogegen ich mich heute entscheide, was ich tue, wohin ich gehe, mit wem ich mich umgebe und was ich mit mir machen lasse oder eben nicht, all das richtet sich an diesem Kriterium aus: Unabhängigkeit.
FREIHEIT ALS LEADERSHIP-PRINZIP
Und deshalb finde ich es nur konsequent, dass ich heute nicht nur nach diesem Motiv lebe, sondern auch nach diesem Motto führe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass freie Menschen in einem freien System bessere Ergebnisse erzielen. Mir ist es sehr wichtig, dass meine Mitarbeiter ihre Freiheiten erkennen und nutzen. Damit sie sich voll auf Lösungen konzentrieren können anstatt auf die Barrieren, die Exzellenz ausbremsen. Auch wenn mein Job als Führungskraft dadurch mal schwieriger wird. Denn eines ist mir in all den Jahren immer wieder aufgefallen: In den Unternehmen, in denen die Mitarbeiter mit Freude bei der Sache sind und sich mit ihrer Arbeit identifizieren, sind auch die Kunden zufriedener. Menschen können sehen, riechen und schmecken, wie ein Unternehmen geführt wird. Sie spüren die Freiheit. Und sie spüren eben auch die Angst und die Abhängigkeit, wenn es nicht so ist – zum Beispiel in Form von schlechtem Service. Den gibt es naturgemäß in den Unternehmen, in denen der Mensch eben nicht im Mittelpunkt steht.

Aus dieser Überlegung entstand auch die Idee zu meinem neuen Vortrag und der Titel meines Buches: „Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort“. Freiheit ist für mich kein Ideal aus dem Elfenbeinturm, sondern ein ganz lebenspraktischer Wert. Freiheit ist mein großes Ziel.

Manchmal hat dieses Ziel mich fast gebrochen. Aber immer einmal mehr hat es mir den Hals gerettet. Wir alle brauchen einen Grund, um weiterzumachen. Die Freiheit ist meiner. Damals, heute mit 50 und auch im nächsten Jahr.

Ich wünsche Ihnen einen feierlichen Advent!

Ihr

Carsten K. Rath



PS: Dieser Text ist das Editorial meines aktuellen Newsletters, den Sie hier nachlesen können.

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